Window Shopping

G8-Gipfel Nordirland — 2013








Seit dem Fürsten Grigori Alexandrowitsch Potjomkin nachgesagt wird im Jahre 1787 anlässlich des Besuch der russischen Zarin Katharina II entlang ihrer Reisestrecke Dörfer aus bemalten Kulissen errichtet zu haben, können die sogenannten Potemkinschen Dörfer auf eine lange Tradition zurückblicken. Anlässlich des G8-Gipfels im Juni 2013 in Nordirland, woselbst sich Staats- und Regierungschef aus acht führenden Industrienationen trafen, erfuhr das gezielt inszenierte und intendierte Vexierspiel zwischen Attrappe und Wirklichkeit eine geradezu zynische Neuauflage.
Denn im Umfeld der Tagungsorte ließ die britische Regierung Schaufenster leer stehender Geschäftsräume mit Fototapeten bekleben. Die prall gefüllten Auslagen sollten nicht nur die Illusion von Wohlstand erzeugen, sondern ebenso umtriebige Geschäftigkeit und Belebtheit vortäuschen, wo in Wirklichkeit Leere und – teilweise – Armut herrscht. Das Simulakrum wird zum Ersatz für Wirklichkeit in der die Fotografie eine Doppelrolle spielt. Sie ist einerseits die bildliche Grundlage für die Herstellung des schönen Scheins, andererseits dient sie dazu jene Inszenierung zu dokumentieren, förmlich zu bezeugen, zu distribuieren und ihr dadurch zu einer neuen Wirklichkeitsebene zu verhelfen.

Kevin Fuchs Serie „Window Shopping“ repräsentiert eine Typologie manipulierter Wirklichkeit innerhalb deren Fiktion und Realität untrennbar miteinander verwoben sind, sich geradezu gegenseitig bedingen: die Wirklichkeit des fotografischen Bildes suggeriert die faktische Wirklichkeit des Bildsujets (und umgekehrt).



In der oberflächlichen, schnellen Wahrnehmung gereichen die Fotografien des „Fake Potjomkin“ zur Ehre, denn sie scheinen den Eindruck einer florierenden Stadt mit Geschäften, vollen Auslagen, Cafés etc zu vermitteln. Auf den zweiten Blick allerdings verändert sich die Rezeption. Denn es wird offensichtlich, dass mit den Schaufensterfüllungen etwas nicht stimmt: zu regelmäßig gestapelt sind die Waren, zu starr die Inszenierungen. Die Fassaden der Gebäude entsprechen in ihrem Zustand auch keinesfalls dem Vorgetäuschten, denn der Putz bröckelt und die Farbe blättert ab. Jenseits dieser Brüche aber fehlt etwas ganz Entscheidendes: Menschen. Die Abwesenheit des menschlichen Subjektes bedeutet nicht nur die Absenz des potentiellen Konsumenten, ohne den der Schein der prosperierenden Ökonomie ohnehin absurd ist.
Kevin Fuchs Fotoserie thematisiert den öffentlichen Raum als politischen Handlungsraum in den Wirklichkeit(en) eingeschrieben sind, jene aber auch herstellen. Sie dokumentiert die Inszenierung und gleichermaßen die Abwesenheit dessen, was sich offenbar nicht adäquat simulieren lässt. Die Bilder zeugen von dem Moment in dem der Fehler im System der Inszenierung sichtbar wird.

Text: Ulrike Kremeier

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© Kevin Fuchs — Berlin